Venedigs Museen und das Café Florian
von Daniele Delle Donne
Das traditionsreiche Café Florian am Markus-Platz, das Floriano Francesconi am 29. Dezember 1720 eröffnete, erstrahlt in alter Pracht. Das Café gehört zu den bedeutendsten historischen Cafés des Landes und steht unter Denkmalschutz. Künstler und Literaten aus vielen Ländern, die in Venedig in den letzten 300 Jahren Station machten, ließen sich hier inspirieren. Johann Wolfgang von Goethe inbegriffen. Es hieß damals „Alla Venezia Trionfante“, dem triumphierenden Venedig. Doch die einst mächtigste Seerepublik triumphierte zu diesem Zeitpunkt längst nicht mehr.
Marghera: Venedigs Müll-Hölle vor den Toren
von Daniele Delle Donne
Anfang des 20. Jahrhunderts war die Deltalandschaft am Festland so unberührt und einzigartig, dass sie kühne Industrieträume zu ungeahntem Leben erweckte. Die sich im Fortschrittswahn befindenden Unternehmer Venedigs hatten auch die „geniale Idee“, in dem Feuchtgebiet eine immense Hafenanlage aus dem Boden zu stampfen, die in ihrer Hochzeit mehreren zehntausend Menschen Arbeit gab. Marghera war geboren, und heißt übersetzt „dort, wo das Meer war“. Volpi und Cini hießen einige der Industriekapitäne, die sich später auch als hervorragende Kunstmäzene für Film und Kunst hervortaten. Daneben entstand nach dem 2. Weltkrieg eine gigantische petrochemische Anlage, die dem Boden soviel Grundwasser entnahm, dass die Gebäude in Venedig ins Bodenlose abzusacken begannen. Aber damit nicht genug. Um der Lagune weiteren Boden für neue Industrieansiedlungen abzutrotzen, wurden die anfallenden Giftabfälle gewissermaßen als Baugrund für neue Chemiekomplexe benutzt. Diese entsorgten ihre Giftabfälle ihrerseits häufig in der Lagune, gleich nebenan. Die Zeitbombe war damit scharf. Die Millionen von Kubikmetern Giftmüll werden nun seit Jahrzehnten durch das Gezeitenspiel erodiert und in der Lagune verteilt, die auch für die Fischzucht genutzt wird. Marghera wurde zum Synonym für Tod und Umweltzerstörung.
Um die tickende Zeitbombe zu entschärfen, haben die Regierung in Rom, die Region Veneto und die Stadt Venedig nun ein erstes Giftmüllentsorgungsprogramm verabschiedet. Schon vor mehr als einem Jahr eigentlich. Ausgabenvolumen vorerst: 153 Millionen Euro. 103 Millionen Euro sollte der Staat zuschießen, die restlichen 50 Millionen Euro würden die Region und die Stadt aufbringen. Doch nach einem Jahr tut sich noch immer nichts oder so gut wie nichts. Die jetzt in Marghera arbeitenden rund 11.000 Menschen hofften zwar, dass die Nachhaltigkeit der Aktion ihre Arbeitsplätze retten würde. Doch die Maßnahme droht, wie die vielen der Vergangenheit sich in Schall und Rauch aufzulösen. Denn es ist nicht viel passiert. Es hieß, die Arbeiten seien durch den Skandal um die mobilen Schleusen „Mose“ verzögert worden; andererseits habe es auf kommunaler Ebene Neuwahlen gegeben, die ebenfalls zu Verzögerungen geführt hätten.
Nun heißt es, die ersten Arbeiten würden definitiv im kommenden April beginnen. Die Leitung der Arbeiten obliegt dem staatlichen Energieunternehmen ENI. Im deren Mittelpunkt stehen nicht nur die sachgerechte Entsorgung des Giftmülls, sondern auch die Ansiedlung neuer, umweltfreundlicher Unternehmen. Die Sanierung Margheras sei vordringlich und unaufschiebbar, ist nun der Tenor. Man darf gespannt sein, wie wörtlich man es in Venedig mit der Zeit nimmt.
Der “Fluch" über Venedigs neue Ponte della Costitutzione
von Daniele Delle Donne
Man wollte endlich eine Fußgängerbrücke über dem Canal Grande, die bequem Piazzale Roma mit dem Bahnhof verbinden sollte. Da eben, wo sich die Touristenmassen zu Zigtausenden am Tag über Venedig ergießen. Lange wurde in der Lagunenstadt also über die Notwendigkeit einer neuen Brücke diskutiert und debattiert, bis dann der spanische Stararchitekt Santiago Calatrava den Zuschlag erhielt. Ein Brückenspezialist eben. 6 Jahre dauerte sodann der Bau, bei Gesamtkosten von rund 13 Millionen Euro. Kaum war die Ponte della Costituzione, wie sie mittlerweile hieß, dann 2008 endlich fertiggestellt, gab es dann schon den ersten Eklat: Man hatte bei der Projektierung schlichtweg die Behinderten und Gebrechlichen vergessen, die ebenfalls über die postmoderne Brücke kommen wollten. Ja, sagten die Verteidiger des Stararchitekten, die Rialto-Brücke sei auch nicht behindertengerecht. Stimmt, aber die steht unter Denkmalschutz und wurde schließlich im Mittelalter gebaut. Die Entrüstung der Behindertenorganisation war gleichwohl groß. Also musste ein stilgerechter Behindertenaufzug her, so schreibt es nämlich für jeden öffentlichen Neubau das Baurecht auch in Venedig vor. Die erforderliche Nachbesserung, der Aufzug, der einem Raumfahrzeug ähnelt, kostete rund 1,8 Millionen Euro. Schließlich ist Bauen in Venedig teuer.
Aber die Kritik an der Ponte della Costituzione verebbte nicht. Denn alsbald hieß es, das viele Glas an den Stufenabsätzen sei bei Regen und Raureif lebensgefährlich, weil man schnell ausrutschen und sich den Hals brechen könne, auch ohne Gehbehinderung. Und außerdem seien die jeweiligen Stufen so niedrig, dass sie beim Besteigen einen Balanceakt erforderten. Jetzt im strengen Winter, wo auch in Venedig Minusgrade erreicht werden können, sickerte die letzte Unzulänglichkeit durch. Auf der Brücke, besonders auf den Glasstufen bilde sich nämlich heimtückisches Eis, was nicht mindergefährlich ist als Regen und Raureif. Während man aber auf den anderen 400 Brücken Venedigs dem Eis mit Streusalz zu Leibe rücke, ist das auf der Ponte della Costituzione nur bedingt möglich. Denn es heißt, man könne das Salz nur auf die Steinstufen aus istrischem Stein in der Mitte der Brücke streuen. Auf den stylischen Glasstufen an den Seiten links und rechts hingegen sei das aber nicht möglich, weil das aggressive Salz das kostbare Glas angreife. Wenn es morgens, abends und nachts gefriert, müssten also Venezianer und Touristen auf der Ponte della Costituzione penibel darauf achten, nur Steinstufen unter den Füßen zu haben, weil man ansonsten schnell das Gleichgewicht verlieren könne. Baldige Abhilfe scheint für dieses Problem aber nicht in Sicht. Einige schlagen sogar vor, die Glasstufen zur Winterszeit mit den in der Stadt gegen das Hochwasser üblichen „Passerelle“ zu versehen, um die Rutschgefahr zu minimieren. Das ewige Dilemma eben zwischen Schönheit und Funktionalität.
Der Zahn der Zeit und der geflügelte Löwe
von Daniele Delle Donne
Der Löwe von San Marco oder einfach der geflügelte Löwe: Er ist das Symbol schlechthin für die Serenissima. Er ist aber auch das ungewöhnliche Abbild des Evangelisten Markus, dessen Gebeine pfiffige venezianische Händler 828 heimlich vom ägyptischen Alexandrien nach Venedig schmuggelten - versteckt in einem Korb unter Gemüse und Schweinefleisch. In der Markuskirche aufbewahrt hält der Schutzpatron seit nunmehr knapp 12 Jahrhunderten seine schützende Hand über die Stadt. Die christlichen Taten des aus Palästina stammenden Evangelisten waren übrigens so famos, dass er sowohl von Katholiken als auch von Orthodoxen und Koppten gleichermaßen als Heiliger verehrt wird. Traditionsgemäß am 25. April gedenken die Gläubigen Venedigs dieses Heiligen.
Auf dem Markusplatz thront der geflügelte Löwe unter anderem über den Säulen von „Marco e Todaro“. Jüngste Studien haben ergeben, dass das Werk (Beutekunst?) aus mehreren Teilen zusammengesetzt ist, aber es fehlt hier sein typisches Schwert.
Die Löwendarstellung vereinigt in sich gleichermaßen vier Lebewesen: einen Löwen, ein Kalb, einen Menschen und schließlich einen Adler, so wie es Ezechiel im Alten Testament ausführt. Diese vier Lebewesen stehen nach der Offenbarung des Johannes um den Thron Gottes. Markus wird dem Löwen zugeordnet, er muss aber aber Teile des Adlers in sich haben. Das erklärt nämlich auch, warum der Löwe Flügel hat. Nach biblischem Glauben wird der Heilige Markus mit einem Löwen assoziiert, weil sein Evangelium mit den Versuchungen Christi in der Wüste beginnt.
Erst ab 1177 waltet der geflügelte Löwe auf Standarten offiziell seiner symbolischen Kraft. Und seitdem tritt er in einer Vielzahl von Abbildungen in Erscheinung: mal mit Gesichtern nach links, mal nach rechts. Mal liegend, mal springend oder mit aufgestelltem Schwanz. Und vielfach legt er seine Tatze auf ein Buch, das von einigen als das Evangelium interpretiert wird. Andere tendieren hingegen dazu, das Buch als Gesetzesfibel zu interpretieren, die zum Ausdruck bringen soll, dass in dieser Stadt das Recht und die Religion innig vereint ist. Manchmal hält der Löwe aber auch ein Schwert - als Zeichen des Krieges und hat seine Hintertatzen im Meer, um zu belegen, dass der Reichtum Venedigs auf dem Meer begründet ist. Auf den Münzen Dalmatiens und Albaniens prangte übrigens der geflügelte Löwe mit einem Olivenzweig, auf dem Peloponnes hingegen mal mit einem Kreuz und mal mit einer Palme. Auf den Standarten erlebte der Löwe im Zuge der Jahrhunderte eine wahre Renaissance.
Die wohl wichtigste Abbildung des geflügelten Löwen thront im Palazzo Ducale über der Scala dei Giganti. Sie ist seit dem Jahr 1300 das Symbol Venedigs und wird dem Bildhauer Luigi Borro zugeschrieben. Der ätzende Smog der letzten Jahrzehnte hat der Skulptur aber so arg zugesetzt, dass ein Flügel abzubrechen drohte. Eine unvermeidliche Restaurierung wurde erst jüngst abgeschlossen.
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